Nephele
Ein Gemisch aus Asche und Schnee fiel vom grauen, bedeckten Himmel herab. Der Berg unter ihren Hufen bebte, und erwachte aus seinem langen Schlaf. Es schien, als wollte der Berg alles Leben vertreiben, welches sich zu ihm verirrt hatte. Leviathan war dies vollkommen egal, wie sich der Berg unter seinen Hufen wehrte, und förmlich schrie. Der kalte Wind fuhr scharf durch sein pechschwarzes, feuchtes Fell; wirbelt das Gemisch aus schwarzen und weißen Flocken durch sein wachsames Blickfeld. Nephele, formte der Wahnsinn in seinen Kopf den Namen der unbekannten Stute, lauschte der hellen Stimme ohne einen Blick von ihr abzuwenden. Sie sprach die Worte aus, die ihm durch den Kopf gingen; der Berg war lebendig. Leviathan nickte knapp, lies ein schiefes Lächeln über seine spröden Lippen stolpern. Er hätte sie auch niemals für eine liebende Mutter gehalten, die alles für ihre Kinder tun würde. Sie war eine Einzelgängerin, die niemand zum Überleben brauchte, da sie selbst in der Lage war in dieser grausamen Welt zu bestehen. Vielleicht war sie gar, wie dieser brodelnde Berg unter ihren Hufen. Eine Naturgewalt, so unverhofft und unscheinbar, in der Lage alles Leben auf einen Schlag auszulöschen; fast ein wenig faszinierend. Allein der Gedanke, dass der Berg unter ihnen ausbrechen könnte, hinab in das friedlich wirkende Tal stürzen könnte, ließ ein schrilles Lachen in seinem Kopf erklingen.
Das dunkle Augenpaar folgte den eleganten Bewegungen der Stute, wobei ihn dieser Anblick nicht so sehr faszinierte, wie der plötzliche Tod von mehreren Lebewesen fernab dieses bebenden Berges. Sie wirkte durchaus lebensmüde, wie auf den Rand des Berges zu schritt; und in die Gefahr verfiel hinab in die Tiefe zu stürzen. Nur einer, der die Gefahr wirklich verstand und die Angst bändigen konnte, spürte die pure Lust des Wahnsinn durch seine Adern pulsieren. Dies war nicht der Nervenkitzel, den Leviathan brauchte. Nein, er brauchte um einiges mehr, um sein warmes Blut in Wallungen zu bringen; um seine Triebe zu befriedigen. Es schien, als ging es der hellen Stute nicht anders, denn ihre zarten Gesichtszüge, kaum im Rauch zu erkennen, spiegelten Langeweile wieder. So wandte sich Nephele dem Rand des Berges ab und blickte wieder ihr gegenüber an. In ihrer Stimme lag ein gewisses Interesse bezüglich des Namens des Hengstes. Leviathan nickte. „Mein Vater gab mir diesen Namen.“, gab er neutral und gleichgültig zurück. Die Mutter kannte er nicht. Allein die schmerzerfüllten Schreie, die ihre zarte Stimme wiederspiegelten im Augenblick ihres qualvollen Todes. „Ein glücklicher Zufall, der doch durchaus beabsichtig war, wenn man bedenkt, welch harte, brutale Erziehung mein Körper und mein Geist in jungen Jahren erfahren mussten.“ Ein schelmisches Grinsen umschloss seine markanten Gesichtszüge, brachte langsam eine Fratze zum Vorschein, die unwillkürlich zuckte. Leviathan atme ein, wieder aus, ehe er weitersprach. Der Hengst war nicht der Typ der vielen Worte, sprach meist das aus, was ihm durch den Kopf ging. „Vielleicht ist mein Vater über das Ziel hinausgeschossen.“ Nicht vielleicht, sondern ganz sicher, wenn man die Spur des Mordes zurückverfolgte, die der Schwarze all die Jahre hinterlassen hatte. Die meisten waren Aufträge seiner Meister gewesen, nur die Anfänge seiner blutigen Akte waren reine Willkür und Stillen der unbefriedigten Lust gewesen. „Mutig, sind die wenigstens unter uns, aber sind wir nicht alle ein wenig verrückt.“, gab Leviathan mit einem zarten Lächeln auf den spröden Lippen zurück. Zum Provozieren konnte sie sich jemand anderen suchen, an ihn prallte sowas – meist – ab.
Stille. Angenehm, wenn man von dem brodelnden Berg im Hintergrund absah, der nicht im Geringsten daran dachte, Ruhe zugeben. Es störte nicht, machte keine Angst. Es war eine belanglose Melodie, die es nicht wert war, ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Leviathan konnte die Helle nicht aus den Augen lassen. Er war sich zwar sicher, dass sie nicht der Typ war, der aus dem Hinterhalt angreifen würde - dafür gab es sowieso keinen Grund - aber man konnte nie wissen. Lässig, wie zuvor hob sich ihre klare Stimme vom brodelnden Berg ab. „Ein Krieg?“, fragend blickte er an Nephele vorbei, hinab in die Tiefe. Ruhig und friedlich lag das Tal im Schnee, welcher sich in Blut tränken würde, wenn er ihren Worten Glauben schenken wollte. „Ich halte mich aus Kriegen raus.“ Was, nicht mal gelogen war. Leviathan war ein Auftragskiller, der Aufträge im Namen von Castiel, seinen Meister, ausführte; in geringen Maßen auch Informationen sammelte. Die Yakuza waren im Untergrund tätig, waren dennoch in der Lage das Bestmöglichste für sie aus solch einem Krieg zwischen zwei verfeindete Parteien herauszuholen. Und, Leviathan war sich ziemlich sicher, das Castiel wusste, was er mit dieser Information anfangen konnte.
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